Kein Platz für Verfolgtenorganisationen in der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Rheinland-Pfalz

Kein Platz für Verfolgtenorganisationen in der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Rheinland-Pfalz

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Kein Platz für Verfolgtenorganisationen in der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Rheinland-Pfalz
Mit großer Sorge betrachtet QueerNet RLP seit einigen Jahren die Entwicklung der Gedenk- und
Erinnerungskultur in Rheinland-Pfalz.
lm zentralen Gedenkort des Landes, dem offiziellen Gedenkort der Landeshauptstadt und einem
landesweit agierenden Verein, die sich der Gedenk- und Erinnerungskultur widmen, sind
Ve rtretu n ge n vo n Ve rfo I gtengru ppe n stru ktu re I I a usgesch lossen'
Wir sehen die Wiederholung der Situation der 1980er Jahre, wo die Stimmen der nicht-jüdischen
Verfolgten nicht sichtbar waren, verschwiegen wurden und erst durch Organisationen der Sinti und
Roma oder queere Organisationen in öffentlichkeitswirksamen Aktionen Aufmerksamkeit erlangten.
Auch jüdische Organisationen gelang es erst durch Widerspruch zu ritualisiertem ,,Gedenken" den
vorhandenen Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft sichtbar zu machen.
Verfolgtenorganisationen müssen gleichwertiger und gleichberechtigter Teil der Erinnerungs- und
Gedenkkultur des Landes sein. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund der Lehren aus der NS-
Diktatur und der Verfolgung in der Nachkriegszeit. Verfolgtenorganisationen müssen nicht nur
,,mitgedacht", sondern ihre strukturelle Teilhabe in den verantwortlichen Organisationen und
Vereinen muss gesichert sein.
Neben der Dokumentation dessen, was geschehen ist - ist dies für die Verfolgten immer auch die
Versicherung, dass es ,,nicht mehr geschieht", dass es ein Bewusstsein bei den Verantwortlichen gibt,
wie schmerzhaft Ausgrenzung ist, ja wie tödlich sie sein kann. DEse Erinnerungs- und Gedenkkultur
wird auch als Teil der Wiedergutmachung des geschehenen Unrechts von den Verfolgten gesehen.
Jegliche Form der Exklusion lässt Zweifel aufkommen, ob die richtigen Lehren aus der NS-Zeit und
Nachkriegszeit verstanden wurden. Darüber hinaus stellt die erneute Exklusion die Glaubwürdigkeit
jedes erinnerungspolitischen Engagements in Frage. Die strukturelle Beteiligung der
Verfolgtenorganisationen ist insbesondere mit Blick auf die Bedeutung für die Gegenwart
unerlässlich.
Dieses Bewusstsein gibt es weder in der offiziellen Gedenkstätte der Landeshauptstadt Mainz, dem
,,Haus des Erinnerns- für Demokratie und Akzeptanz, in dessen Entscheidungsgremium
,,Opfergruppen" (PIural) ,yertreten sein sollen", was sie (bis auf die jüdische Gemeinde) seit 5 Jahren
nicht sind. Regelmäßig werden Anträge diesen mangelhaften Zustand zu beenden zurückgewiesen.
(zuletzt am 18.7.2023)

Auch der (neu als eV.) gegründete Verein Erinnern&Gedenken in Rheinland-Pfalz schließt
Verfolgtengruppen mit der klaren Mehrheit seiner Mitglieder aus. (Beschluss der MV am 25.!1.2A231
Der Verein erhebt für sich den Anspruch für die Erinnerungs- und Gedenkkultur in RLP zu sprechen
und erwartet dafür staatliche Förderung.
Die offizielle Gedenkstätte des Landes RLP in Osthofen, deren Träger die Landeszentrale für pol.
Bildung in RLP ist, verabschiedet aus lhrem Beirat die einzigen zwei Vertretungen der
Ve rfo I gte norga nisatione n.
Dabei ist die Perspektive der Verfolgtenorganisationen durch nichts zu ersetzen, keine noch so gut
gemeinte und in jeder Hinsicht anerkannte lnitiative kann die Erfahrung einbringen, die
Verfolgtenorganisationen haben in Bezug auf Kontinuität und Wandelvon Ausgrenzung und
Akzeptanz.

Das aktuelle Narrativ, ,,die Zeitzeugxinnen sterbeni dient dabei als,,Brückenargumentation" sich der
Perspektive der Verfolgtenorganisationen zu entledigen, indem von einer,,neuen Erinnerungskulturi
die es zu entwickeln gelte, gesprochen wird. ln dieser,,neuen" Erinnerungs- und Gedenkkultur ist für
die Verfolgtenorganisationen kein Platz, wie die Positionierungen verschiedener
Entscheidungsträgerxinnen der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Rheinland- Pfalz zeigen.
Das Narrativ ,,die Zeitzeug*innen sterben" unterschlägt die Fortsetzung der Verfolgung in der
Bundesrepublik (auch in der DDR) im Falle der homosexuellen Männer unter dem § 175 StGB, in der
von der NS-Diktatur verschärften Fassung von 1935. Hierzu gibt es Zeitzeugenschaft, wie auch aus
dem gesamten Spektrum der verfolgten Lesben, Transidenten und weitere.
Das gilt auch für Sinti und Roma und für Jüd*innen sowieso. Der gerade aktuell wieder
a ufflammende Antisemitism us hat hundertfache Zeitzeug*innenschaft.
Im Grunde genommen wiederholt sich hier die,,Lüge der Stunde Null'i deren Sinne es war, gerade die
vielfältigen Kontinuitäten der NS-Diktatur zu verdecken und die Verfolgten zum Schweigen zu bringen.
Es kann keine Gedenk- und Erinnerungskultur ohne die strukturelle Beteiligung der
Verfolgtenorganisationen geben. Nur der intensive Dialog zwischen der Forschung in den Archiven,
der Dokumentation der Verbrechen in der Zeit der NS-DIktatur und der Nachkriegszeit, den
lnteressierten, die sich mit großem (in der Regel) ehrenamtlichen Engagement vor Ort für die
Sichtbarkeit (zumeist)jüdischer Einrichtungen einsetzen und den Vertreter*innen der
Verfolgtenorganisationen ist Garant für eine Gedenk- und Erinnerungskultur, die sich ernsthaft den
Lehren aus Verfolgung und Ermordung verschreibt, weil sie die verschiedenen Perspektiven,,auf
Augenhöhe" zusammenbringt. Es gibt genügend Beispiele, in denen das Expert*innenwissen der
Verfolgten die Archivforschung ergänzt bzw. korrigiert hat.

Verfolgtenorganisationen sprechen für sich selbst, ihre Perspektiven, ihre Erfahrungen und Expertisen
sind lebens-notwendig für eine demokratische Gesellschaft, wenn sich Andere im Wind aktueller
,,Grenzverschiebung des Sagbaren" längst aus dem Staub gemacht haben.
QueerNet RLP eV. setzt sich in Rheinland-Pfalz zusammen mit anderen Verfolgtenorganisationen
dafür ein, dass lhre Stimme Gehör findet. Es braucht Platz für diese Stimmen in der Gedenk- und
Erinnerungskultur des Landes Rheinland-Pfalz.
Der Schritt nun in die Öffentlichkeit zu gehen und auch aus der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenken
und Erinnern als Verein auszutreten, ist dem geschuldet, dass etliche Gespräche, die wir bereits
geführt haben und zu denen wir auch in Zukunft bereit sind, bislang ins Leere liefen. Wir wünschen
uns einen Dialog auf Augenhöhe, bei dem der Bedarf einer gleichberechtigten Beteiligung von
Verfolgtenorganisationen in den Strukturen der Erinnerungskultur erkannt und gemeinsam umgesetzt
wird.
Mainz, den5.12.2023

PRESSEKONTAKT:

QuertNet Rheinland-Pfalz e .V.

Joachim Schulte
info@queernet.rlp
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Pressemitteilung

Der rheinland-pfälzische Landesverband Deutscher Sinti und Roma und die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Rheinland-Pfalz fordern entschlossenes Handeln gegen antiziganistische und