17.04.2023

Jacques Delfeld Sr. hält Ansprache zum 78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald

Am Sonntag, 16. April 2023 sprach der 1. Vorsitzende des rheinland-pfälzischen

Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, Jacques Delfeld Sr., bei der

Gedenkveranstaltung in Buchenwald anlässlich des 78. Jahrestags der Befreiung

des ehemaligen Konzentrationslagers. Delfeld, der gleichzeitig auch Stellvertretender

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma ist, sagte in seiner

Ansprache: „Orte wie Buchenwald, Dachau, Kulmhof, Treblinka, Majdanek, Sobibor

und Auschwitz sind für unsere Minderheit zu den größten Friedhöfen in Europa

geworden“.

Er erinnerte speziell an das Schicksal des kürzlich verstorbenen Rudolf Steinbach.

Dieser war einer der wenigen Zeitzeugen des Holocaust an der Minderheit, der die

Schrecken des Vernichtungslagers Auschwitz und des Konzentrationslagers

Buchenwald erlebt hat.

Sein Schicksal und das Schicksal seiner Familienangehörigen steht exemplarisch für

den Holocaust an bis zu 500.000 Sinti und Roma im NS-besetzten Europa. Die

Familie von Rudolf Steinbach lebte in der Region von Koblenz. Sein Vater Ludwig

diente wie viele andere aus der Minderheit als Soldat im Ersten Weltkrieg, wo er

auch hohe militärische Auszeichnungen erhielt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde dieses selbstverständliche

Leben als deutsche Bürger schrittweise zerstört. Wie alle anderen deutschen Sinti

und Roma wurde die Familie Steinbach durch die Nürnberger Rassengesetze

schrittweise aus allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens

ausgegrenzt.

Durch den „Auschwitz-Erlass“ vom 16. Dezember 1942 verfügte Heinrich Himmler

die familienweise Deportation aller im Reich noch verbliebenen Sinti und Roma in

das Vernichtungslager Auschwitz. Unter den dorthin Deportierten befanden sich auch

die Angehörigen der Familie Steinbach aus Koblenz, darunter der damals gerade 15-

jährige Rudolf.

Zitat aus dessen Erinnerungen: „Im März 1943 wurde ich zusammen mit meinen

Eltern und meinen vier jüngeren Geschwistern von der Gestapo aus unserer

Wohnung geholt und dann mit einem Lastwagen zum Bahnhof gebracht. Dort

wurden wir in Bahnwaggons zusammengepfercht wie Vieh und mit der Bahn in das

Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Hier wurde mir die Häftlingsnummer Z-

2201 in den Arm tätowiert. Dort habe ich meine gesamte Familie verloren, nur ich

kam aus dieser Hölle zurück. Meine beiden Schwestern Ursula und Katharina, sie

waren beide noch keine zehn Jahre alt, trug ich in Auschwitz selbst auf den Berg von

Leichen – sonst hätte es keiner getan.“ (Zitat Ende)

In Auschwitz raubte man den Menschen den Namen und die Persönlichkeit; jeder

Anspruch auf menschliche Würde wurde ihnen aberkannt. Fast neunzig Prozent der

nach dort verschleppten Sinti und Roma wurden im Gas erstickt oder erschossen,

erschlagen, für medizinische Experimente von Josef Mengele und anderen SS-

Ärzten missbraucht oder zu Tode gequält.

Die Mutter von Rudolf Steinbach und zwei weitere seiner Geschwister waren unter

den letzten, am Leben gebliebenen 4.300 Sinti und Roma im Lagerabschnitt

B II e, die in der Nacht des 2. auf 3. August 1944 - trotz ihres erbitterten

Widerstandes - in die Gaskammern getrieben und ermordet wurden.

Rudolf Steinbach wurde Anfang August noch in das Konzentrationslager Buchenwald

deportiert. Er und die anderen aus Auschwitz verbrachten Sinti und Roma mussten

hier Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen vor allem in der

Rüstungsindustrie und im Steinbruch leisten. Kurz vor der Befreiung durch die

Alliierten wurde Rudolf Steinbach mit Tausenden anderer Häftlinge in

Todesmärschen in Richtung der Konzentrationslager Flossenbürg und Dachau

getrieben, wo er schließlich von den Amerikanern befreit wurde.

In den letzten Jahren drückte er immer wieder seine Sorge über die Entwicklungen in

unserer Gesellschaft aus, Zitat: „Die Erfahrung der Verfolgung durch die Nazis habe

ich immer in mir getragen. Damit sind auch meine Kinder aufgewachsen. Die Zeit des

Nationalsozialismus könnte aus meiner Sicht jederzeit wiederkommen. Meines

Erachtens entwickelt sich die Gesellschaft schon wieder in diese Richtung.“ (Zitat

Ende)

Auch Jacques Delfeld Sr. zeigte sich besorgt über einen spürbaren Rechtsruck in

unserer Gesellschaft und mahnte staatliche Institutionen den Antiziganismus als

Gefahr ernst zunehmen:

„Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa hetzen rechtsextreme und

nationalistische Gruppen und Parteien ganz offen gegen Minderheiten und auch

unseren demokratischen Rechtsstaat. Sie machen antiziganistische, antisemitische

und rassistische Argumente wieder hoffähig. So kommt es immer wieder zu

antiziganistischer Gewalt, wie zuletzt bei den Anschlägen in Hanau und München,

bei denen auch Angehörige unserer Minderheit ermordet wurden.

Dem entgegenzutreten, ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Hierbei ist

nicht nur die Politik gefragt, die die Rahmenbedingungen schafft, sondern hier muss

die Zivilgesellschaft die demokratischen und freiheitlichen Werte, denen wir

verpflichtet sind, jeden Tag aufs Neue mit Leben füllen. Denn Freiheit und

Demokratie sind die Grundlage für ein respektvolles und wertschätzendes

Zusammenleben“, so Delfeld.

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